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  • Andrea Preuss

Social Distancing als Mittel zur Infektionsprävention

Serie nachhaltige Infektionsprävention – Teil 2

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Social Distancing ist die goldene Regel zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie und eins der wirksamsten Mittel, um die Übertragung einer Atemwegs­infektion zu vermeiden. Es besteht darin, physische Kontakte zu reduzieren und Abstand zu halten, wenn diese unvermeidlich oder sogar gewünscht sind. Der eingehaltene Abstand muss dabei gross genug sein, um das Risiko einer Übertragung auf ein Minimum zu reduzieren.


Die Frage nach dem «richtigen» Abstand hat viele Länder beschäftigt, und es gibt dazu unterschiedliche Regeln. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen Abstand von mindestens einem Meter (WHO, Technical Guidance Publication, 2020), die ECDC, das European Center for Disease Control, empfiehlt ein bis zwei Meter (ECDC, 2020). In der Schweiz gilt ein Abstand von zwei Meter. In Deutschland sind es anderthalb Meter, in Österreich, wie auch in Italien ist es «mindestens ein Meter». Was steckt dahinter?


Für die Übertragung einer Infektion der Atemwege sind grundsätzlich drei Wege relevant: die Übertragung durch direkten oder indirekten Kontakt (contact transmission), die Übertragung über Tröpfchen (droplet transmission) und die luft-getragene Übertragung (airborne transmission). Kontaktübertragung findet bei direktem Kontakt mit einer infizierten Person oder mit kontaminierten Oberflächen in der Nähe statt. Von einer Tröpfchenübertragung spricht man, wenn jemand von einer infizierten Person in nächster Nähe potenziell infektiöse Tröpfchen über die Nasen- oder Mundschleim­häute aufnimmt oder in die Augen bekommt. Grosse Tröpfchen über 5-10 Mikrometer (1 Mikrometer = 1/1000 mm) fallen üblicherweise innerhalb einer Strecke von einem Meter zu Boden, darüber besteht weitgehend Konsens (z. B. J. Atkinson et al., 2009). Kleinere Tröpfchen und Partikel unter 5 Mikrometer können aber in Form von Aerosolen, also einer Dispersion fein verteilter kleinster Teilchen, länger in der Luft bleiben. Diese Teilchen trocknen allerdings auch schneller aus, und die Frage ist offen, wie infektiös sie dann noch sind. Es sind aber solche Aerosole, die für die mögliche Übertragung durch die Luft über längere Strecken relevant wären.


Für Coronaviren geht man nach derzeitigem Kenntnisstand davon aus, dass die Übertragung über die Luft in normalen Alltagssituationen keine oder nur eine geringe Rolle spielt (Peters et al., 2020).


Anders im Gesundheitswesen: dort ist dieser Übertragungsweg von Bedeutung. Bei manchen klinischen Prozeduren können Aerosole entstehen, so zum Beispiel bei der künstlichen Beatmung durch endotracheale Intubation und der manuellen Beatmung davor. Es wird empfohlen, eine Risikoabschätzung für solche Prozeduren durchzuführen und entsprechende Vorsichtsmassnahmen zu ergreifen (WHO, Scientific Brief, 2020).


Für das Abstandhalten im Alltag gilt also: grosse Tröpfchen fallen schnell zu Boden, kleine halten sich länger, trocknen aber auch schneller aus. Gegen eine Tröpfchenübertragung bietet ein Abstand von zwei Metern unter normalen Umständen – also bei Einhalten der Hustenetiquette – eine gewisse Sicherheits­reserve. Wie viel diese Reserve tatsächlich bringt, ist allerdings wissenschaftlich nicht im Detail untersucht.


Ob man sich infiziert, hängt aber schlussendlich von der übertragenen Menge an aktiven Viruspartikeln ab. Neben dem Abstand und der Art und Weise, wie man dem Virus ausgesetzt wird, ist hier die Dauer der Exposition relevant. Die Schweiz geht hier von einem Wert von 15 Minuten aus, während denen der erforderliche Abstand von zwei Metern unterschritten wurde. An jemandem vorbeizulaufen, oder sich im Supermarkt vor dem Regal für einen kurzen Moment näher als 2 Meter zu kommen, stellt kein Problem dar.


Bei der Erstellung von Schutzkonzepten ist es zudem wichtig, den vorgeschriebenen Abstand durchgängig zu ermöglichen, nicht nur an einzelnen Orten. Es empfiehlt sich, Abläufe von Anfang bis Ende durchzuspielen, um sicherzustellen, dass alle möglichen Kontaktorte berücksichtigt wurden. Bleiben Sie dran!

Weitere Themen rund um die nachhaltige Infektionsprävention in den nächsten Wochen.

Dr. Andrea Preuss ist Gastautorin mit langjähriger Industrie-Erfahrung in der Hygiene und Infektions­prävention. In einer mehrteiligen Serie greift sie für uns ausgewählte Themen in diesem Fachgebiet auf.


Literaturverzeichnis


ECDC. (2020, 05 19). Videos on Covid-19. Retrieved from https://www.ecdc.europa.eu/en/covid-19/facts/videos


Peters et al. (2020, April). Putting some context to the aerosolization debate around SARS-CoV-2. Journal of Hospital Infection, p. https://doi.org/10.1016/j.jhin.2020.04.040; article in press.


WHO. (2020, 03 29). Modes of transmission of virus causing COVID-19: implications for IPC precaution recommendations - Scientific Brief. Retrieved from https://www.who.int/news-room/commentaries/detail/modes-of-transmission-of-virus-causing-covid-19-implications-for-ipc-precaution-recommendations


WHO. (2020). Overview of public health and social measures in the context of COVID-19 - Interim Guidance 18 May 2020. Geneva: WHO Technical Guidance Publications.


J. Atkinson et al. (2009). Natural Ventilation for Infection Control in Health-Care Settings. Geneva: WHO.

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